Dienstag, 21. April 2015

Bitte sei mir nicht bös'...

Vor fast 10 Jahren begann meine aktuelle Beziehung. Sie verlief die ersten Jahre harmonisch nach klassischer Art, zwei Personen, die sich lieben und dies auch körperlich äußern. Nach einiger Zeit führten wir ein Gespräch und stellten fest, dass wir beide durchaus auch Spaß mit anderen Menschen nicht abgeneigt wären. Dies geschah nicht aus Langeweile oder Beziehungsmüdigkeit, sondern aus dem Wunsch gemeinsame Vorlieben auszuleben. Miteinander sprechen ist eine gute Sache in einer Beziehung, egal wie diese aufgebaut ist, auch wenn jenes Gespräch doch einiges Gedruckse und „Um-den-heißen-Brei-herum-Redens“ beinhaltete. Somit begannen wir uns etwas weiter auszutesten, zunächst stets im Beisein des anderen.
Solche Dinge sind tatsächlich gar nicht so leicht umzusetzen, auch wenn sich beide einig sind, denn schon an der eigentlich relativ weit verbreiteten und einfachen Fantasie „Sex zu dritt“ drohte das ganze Unternehmen beinahe zu scheitern. Wir stellten fest, dass viele Menschen „so etwas“ niemals tun würden und das alles sehr seltsam fanden. Obwohl wir klar kommunizierten, dass wir beide diese Sache wollten und das freiwillig mitmachten, befürchteten potentielle Dritte, dass sie damit jemanden betrügen könnten oder hatten aus anderen Gründen allein bei dem Gedanken daran bereits ein schlechtes Gewissen.
Nun ja, irgendwann klappte es dann doch und siehe da, die Welt ist davon nicht untergegangen. Alle Beteiligten haben es ohne psychischen Knacks überstanden, die Freundschaft und die Beziehung bestanden weiter, man konnte sich auch danach noch problemlos in die Augen sehen, alle Befürchtungen erwiesen sich als übertrieben.
Seitdem ist viel passiert. Ähnliche Erfahrungen fanden noch häufiger statt. Irgendwann gab es erneut ein langes Gespräch unter vier Augen, das dieses Mal mit Unterbrechungen über zwei Tage hinweg geführt wurde. Danach wurde unsere Beziehung in gegenseitigem Einverständnis und unter Aufstellung einiger Regeln geöffnet. Im Grunde bedeutete dies, dass wir fortan auch einzeln Sex mit Außenstehenden haben konnten, sofern dies mit dem Partner abgesprochen war. Beim ersten Mal war es noch eine seltsame Erfahrung, als ich die Nacht allein verbrachte, weil meine Partnerin bei einem anderen war, jedoch stellte ich schnell fest, dass daran nichts schlechtes war. Man sprach danach über die Ereignisse, ich konnte mich für sie freuen, weil sie Spaß gehabt hatte. Umgekehrt funktionierte es irgendwann auf die gleiche Art. Insgesamt hat dies die Beziehung gestärkt und uns beiden die Möglichkeit eröffnet uns ohne schlechtes Gewissen auch außerhalb unsere Zweisamkeit auszuprobieren und auszuleben und spannende Dinge zu erleben.
Der erste polyamore Ansatz entwickelte sich mit der Zeit wohl aus der Freundschaft zu einem anderen Paar. Man verbrachte sehr viel Zeit miteinander und teilte auch bisweilen das Bett. Auch dies war zunächst etwas sonderbar, funktionierte aber eine Zeitlang sehr gut und man überlegte gar zusammen zu ziehen. Es hatte schon ein wenig von einem Beziehungsleben zu viert, auch wenn nie jemand etwas derartiges aussprach.
Letztlich ging dieses Arrangement in die Brüche, wobei der gemeinsame und geteilte Sex vielleicht ein Auslöser, aber nicht die Ursache war. Vermutlich wäre auch eine normale Freundschaft mit der Zeit kaputt gegangen, auch wenn dies vielleicht nicht ganz so weitreichende Konsequenzen gehabt hätte.
„Friends with benefits“ nennt man es so wunderschön, was sich als nächstes langsam für jeden von uns entwickelte. Ich bin ein großer Fan solcher Freundschaften. Sex wird definitiv besser, wenn man sich kennt und mag, somit sind Freunde eigentlich die besten Sexualpartner, die man haben kann. Natürlich wenden an dieser Stelle viele ein „Aaaaber, Sex macht doch die Freundschaft kaputt und man kann dann nie wieder normal miteinander umgehen und es entwickeln sich ungewollte Gefühle und man verliert den anderen....“ einwenden – das mag in manchen Fällen wohl zutreffen, ich selbst habe so etwas nie erlebt und auch aus dem Teil meines Bekanntenkreises, der ähnliches erprobt hat, ist mir wenig in der Art bekannt. Wenn man erwachsen und vernünftig mit der Situation umgeht und vor allem miteinander redet, kann das ganze sehr gut funktionieren.
Tatsächlich kann ich aus eigener Erfahrung eher berichten, dass derartige Freundschaften durch die körperliche Nähe noch zusätzlich gestärkt werden und es auch bleiben, wenn sie irgendwann wieder den Status einer „normalen“ Freundschaft erhalten. Aber natürlich sind Menschen da sehr unterschiedlich und ich erhebe keinen Anspruch auf allgemeine Richtigkeit meiner Erfahrungen. Viele haben da andere Ansichten und das ist für diese Menschen dann auch in Ordnung, sofern sie diese Ansichten auch wirklich empfinden und nicht einfach nur für richtig erachten, weil man ihnen dies so gesagt hat oder weil sie dies als eine feststehende Regel ansehen. Möge ein jeder nach seiner Façon glücklich werden.
Eine dieser Freundschaften meiner Partnerin wurde mit der Zeit immer intensiver, man sah sich häufiger, verbrachte auch zusehends mehr Zeit zu dritt. Während wir zu Beginn alle noch einigermaßen diskret mit der Situation umgingen, scheint inzwischen so ziemlich jeder zu wissen, was bei uns passiert. Was sie da hat, kann man wohl durchaus als polyamore Beziehung, zu mir und zu ihm, bezeichnen. Ich persönlich finde dieses Beziehungsmodell sehr schön und habe keine Probleme damit. Nun ja, eines besteht da schon, und das ist der Neid. Ich gebe es zu, ich hätte so etwas auch gern. Eine enge Freundin, mit der ich Zeit verbringen kann, zu der ich auch mal über Nacht gehen kann, wenn mir zuhause die Decke auf den Kopf fällt, die alle Aspekte einer Freundschaft (oder sogar Beziehung) abdeckt und mit der zusätzlich noch sexuelle Ausschweifungen stattfinden – man wird ja noch träumen dürfen!
Wir sind damit eigentlich wieder am Beginn angekommen, denn hier haben wir wieder eine schwierige Situation. Wie man sich vorstellen kann, ist es nicht sonderlich einfach eine Person (ganz bewusst geschlechtsneutral, denn Frau noch Mann unterscheiden sich da wenig) für eine solche Sache zu gewinnen. Die wenigsten Menschen würden sich darauf einlassen, man hat Angst zu kurz zu kommen, benutzt zu werden und vor Eifersüchteleien. Zudem funktioniert es natürlich auch nicht einen Zettel ans Schwarze Brett zu hängen und auf Bewerbungen zu warten. So etwas muss sich entwickeln, denn eine emotionale Bindung und die gleiche Wellenlänge sind sehr wichtig. Eine Freundschaft muss im Vordergrund stehen, sonst kann es in meinen Augen nicht funktionieren.
Man wird sehen, was die Zukunft bringt. All diese Entwicklungen der letzten Jahre waren unglaubliche Bereicherungen für mein und unser Leben, ich habe wunderbare Menschen gut und auf eine ganz spezielle Art kennengelernt, ich habe viel über mich selbst und meine Wünsche gelernt und ich bin sehr froh, dass wir uns damals für diesen Weg, auf dem wir immer wieder Grenzen überwinden und Neuland betreten, entschieden haben. Wer weiß, wo er noch hinführt?