Vor fast 10 Jahren begann meine
aktuelle Beziehung. Sie verlief die ersten Jahre harmonisch nach
klassischer Art, zwei Personen, die sich lieben und dies auch
körperlich äußern. Nach einiger Zeit führten wir ein Gespräch
und stellten fest, dass wir beide durchaus auch Spaß mit anderen
Menschen nicht abgeneigt wären. Dies geschah nicht aus Langeweile
oder Beziehungsmüdigkeit, sondern aus dem Wunsch gemeinsame
Vorlieben auszuleben. Miteinander sprechen ist eine gute Sache in
einer Beziehung, egal wie diese aufgebaut ist, auch wenn jenes
Gespräch doch einiges Gedruckse und
„Um-den-heißen-Brei-herum-Redens“ beinhaltete. Somit begannen
wir uns etwas weiter auszutesten, zunächst stets im Beisein des
anderen.
Solche Dinge sind tatsächlich gar
nicht so leicht umzusetzen, auch wenn sich beide einig sind, denn
schon an der eigentlich relativ weit verbreiteten und einfachen
Fantasie „Sex zu dritt“ drohte das ganze Unternehmen beinahe zu
scheitern. Wir stellten fest, dass viele Menschen „so etwas“
niemals tun würden und das alles sehr seltsam fanden. Obwohl wir
klar kommunizierten, dass wir beide diese Sache wollten und das
freiwillig mitmachten, befürchteten potentielle Dritte, dass sie
damit jemanden betrügen könnten oder hatten aus anderen Gründen
allein bei dem Gedanken daran bereits ein schlechtes Gewissen.
Nun ja, irgendwann klappte es dann doch
und siehe da, die Welt ist davon nicht untergegangen. Alle
Beteiligten haben es ohne psychischen Knacks überstanden, die
Freundschaft und die Beziehung bestanden weiter, man konnte sich auch
danach noch problemlos in die Augen sehen, alle Befürchtungen
erwiesen sich als übertrieben.
Seitdem ist viel passiert. Ähnliche
Erfahrungen fanden noch häufiger statt. Irgendwann gab es erneut ein
langes Gespräch unter vier Augen, das dieses Mal mit Unterbrechungen
über zwei Tage hinweg geführt wurde. Danach wurde unsere Beziehung
in gegenseitigem Einverständnis und unter Aufstellung einiger Regeln
geöffnet. Im Grunde bedeutete dies, dass wir fortan auch einzeln Sex
mit Außenstehenden haben konnten, sofern dies mit dem Partner
abgesprochen war. Beim ersten Mal war es noch eine seltsame
Erfahrung, als ich die Nacht allein verbrachte, weil meine Partnerin
bei einem anderen war, jedoch stellte ich schnell fest, dass daran
nichts schlechtes war. Man sprach danach über die Ereignisse, ich
konnte mich für sie freuen, weil sie Spaß gehabt hatte. Umgekehrt
funktionierte es irgendwann auf die gleiche Art. Insgesamt hat dies
die Beziehung gestärkt und uns beiden die Möglichkeit eröffnet uns
ohne schlechtes Gewissen auch außerhalb unsere Zweisamkeit
auszuprobieren und auszuleben und spannende Dinge zu erleben.
Der erste polyamore Ansatz entwickelte
sich mit der Zeit wohl aus der Freundschaft zu einem anderen Paar.
Man verbrachte sehr viel Zeit miteinander und teilte auch bisweilen
das Bett. Auch dies war zunächst etwas sonderbar, funktionierte aber
eine Zeitlang sehr gut und man überlegte gar zusammen zu ziehen. Es
hatte schon ein wenig von einem Beziehungsleben zu viert, auch wenn
nie jemand etwas derartiges aussprach.
Letztlich ging dieses Arrangement in
die Brüche, wobei der gemeinsame und geteilte Sex vielleicht ein
Auslöser, aber nicht die Ursache war. Vermutlich wäre auch eine
normale Freundschaft mit der Zeit kaputt gegangen, auch wenn dies
vielleicht nicht ganz so weitreichende Konsequenzen gehabt hätte.
„Friends with benefits“ nennt man
es so wunderschön, was sich als nächstes langsam für jeden von uns
entwickelte. Ich bin ein großer Fan solcher Freundschaften. Sex wird
definitiv besser, wenn man sich kennt und mag, somit sind Freunde
eigentlich die besten Sexualpartner, die man haben kann. Natürlich
wenden an dieser Stelle viele ein „Aaaaber, Sex macht doch die
Freundschaft kaputt und man kann dann nie wieder normal miteinander
umgehen und es entwickeln sich ungewollte Gefühle und man verliert
den anderen....“ einwenden – das mag in manchen Fällen wohl
zutreffen, ich selbst habe so etwas nie erlebt und auch aus dem Teil
meines Bekanntenkreises, der ähnliches erprobt hat, ist mir wenig in
der Art bekannt. Wenn man erwachsen und vernünftig mit der Situation
umgeht und vor allem miteinander redet, kann das ganze sehr gut
funktionieren.
Tatsächlich kann ich aus eigener
Erfahrung eher berichten, dass derartige Freundschaften durch die
körperliche Nähe noch zusätzlich gestärkt werden und es auch
bleiben, wenn sie irgendwann wieder den Status einer „normalen“
Freundschaft erhalten. Aber natürlich sind Menschen da sehr
unterschiedlich und ich erhebe keinen Anspruch auf allgemeine
Richtigkeit meiner Erfahrungen. Viele haben da andere Ansichten und
das ist für diese Menschen dann auch in Ordnung, sofern sie diese
Ansichten auch wirklich empfinden und nicht einfach nur für richtig
erachten, weil man ihnen dies so gesagt hat oder weil sie dies als
eine feststehende Regel ansehen. Möge ein jeder nach seiner Façon
glücklich werden.
Eine dieser Freundschaften meiner
Partnerin wurde mit der Zeit immer intensiver, man sah sich häufiger,
verbrachte auch zusehends mehr Zeit zu dritt. Während wir zu Beginn
alle noch einigermaßen diskret mit der Situation umgingen, scheint
inzwischen so ziemlich jeder zu wissen, was bei uns passiert. Was sie
da hat, kann man wohl durchaus als polyamore Beziehung, zu mir und zu
ihm, bezeichnen. Ich persönlich finde dieses Beziehungsmodell sehr
schön und habe keine Probleme damit. Nun ja, eines besteht da schon,
und das ist der Neid. Ich gebe es zu, ich hätte so etwas auch gern.
Eine enge Freundin, mit der ich Zeit verbringen kann, zu der ich auch
mal über Nacht gehen kann, wenn mir zuhause die Decke auf den Kopf
fällt, die alle Aspekte einer Freundschaft (oder sogar Beziehung)
abdeckt und mit der zusätzlich noch sexuelle Ausschweifungen
stattfinden – man wird ja noch träumen dürfen!
Wir sind damit eigentlich wieder am
Beginn angekommen, denn hier haben wir wieder eine schwierige
Situation. Wie man sich vorstellen kann, ist es nicht sonderlich
einfach eine Person (ganz bewusst geschlechtsneutral, denn Frau noch
Mann unterscheiden sich da wenig) für eine solche Sache zu gewinnen.
Die wenigsten Menschen würden sich darauf einlassen, man hat Angst
zu kurz zu kommen, benutzt zu werden und vor Eifersüchteleien. Zudem
funktioniert es natürlich auch nicht einen Zettel ans Schwarze Brett
zu hängen und auf Bewerbungen zu warten. So etwas muss sich
entwickeln, denn eine emotionale Bindung und die gleiche Wellenlänge
sind sehr wichtig. Eine Freundschaft muss im Vordergrund stehen,
sonst kann es in meinen Augen nicht funktionieren.
Man wird sehen, was die Zukunft bringt.
All diese Entwicklungen der letzten Jahre waren unglaubliche
Bereicherungen für mein und unser Leben, ich habe wunderbare
Menschen gut und auf eine ganz spezielle Art kennengelernt, ich habe
viel über mich selbst und meine Wünsche gelernt und ich bin sehr
froh, dass wir uns damals für diesen Weg, auf dem wir immer wieder
Grenzen überwinden und Neuland betreten, entschieden haben. Wer
weiß, wo er noch hinführt?